Unterirdisch am Flughafen

DAS KANALNETZ DES DÜSSELDORFER AIRPORTS

Es gibt eine besondere Welt am Flughafen, unsichtbar für alle Passagiere. Diese Welt ist stockfinster. Für den Betrieb am Airport aber hat sie eine fundamentale Bedeutung: Unter dem Flughafen schlängelt sich ein Kanalsystem, das über 100 Kilometer lang ist und regelmäßig saniert wird. Hier dürfen nur Profis hinabsteigen. 

Kanalnetz am Flughafen Düsseldorf
Boris Opolka ist einer von ihnen. Weißer Schutzanzug, ein Sicherheitsgurt als Absturzsicherung und ein Helm mit Stirnlampe: Mit seiner Ausrüstung könnte Opolka auch als Bergmann im Ruhrgebiet durchgehen. Nur ist der 51-Jährige kein Kohle-Kumpel, sondern Diplom-Geograph und am Airport für den Abwasserbetrieb und die Kanalsanierung zuständig.

Opolka klettert in den Einstiegsbereich des wichtigsten Regenwasserkanals am nördlichen Ende des Flughafengeländes. „Wir sehen uns unten“, ruft er uns entgegen. Behutsam steigt er die Trittstufen hinab. Wenige Sekunden später hat ihn der Erdboden verschluckt und er ist einige Meter tiefer auf dem Grund des „Regenwassersammlers Mitte“, kurz RW Mitte genannt. Hier ist es dunkel und nasskalt und das geschäftige Treiben im Terminal und auf den Start- und Landebahnen ist nur zu erahnen.

Auch wenn das nur wenige Grad kalte Wasser auf dem Kanalboden die Füße nach kurzer Zeit in Eisklumpen verwandelt, Opolka liebt seinen Job. „Was viele nicht wissen: Dieses komplexe System kann durchaus mit der Infrastruktur von Kleinstädten mithalten.“ Allein schon die Zahlen sind verblüffend: 110 Kilometer sind alle Kanäle am Airport lang, verbaut sind fast 3.000 Schachtbauwerke, die bis zu zehn Meter unterhalb des Flughafens liegen. Durch den größten von drei Hauptkanälen stapft Opolka gerade und leuchtet den Weg. 970 Meter erstreckt dieser sich vom Terminal A bis zum nördlichen Ende des Flughafengeländes. Er hat einen Durchmesser von bis zu 2,20 Meter, und pro Sekunde E kann der 40 Zentimeter dicke Stahlbeton 220 Liter Regenwasser ableiten, erst in riesige Regenwassersammelbecken und dann in den Kittelbach.

Der RW Mitte entwässert große Teile der befestigten Flächen des Vorfeldes, der Rollbahnen, der Start- und Landebahnen sowie der Terminaldächer – und er ist ein echter Oldie. „Er wurde in den 1960er Jahren fertiggestellt und ist damit seit 60 Jahren permanent und zuverlässig in Betrieb“, erklärt Opolka. Auch wenn es sich „nur“ um Regenwasser handelt – in Zeiten von immer stärkeren Regenfällen können die aufzunehmenden Wassermassen zu einer Herausforderung werden: „Unser Flughafen mit jährlich 25 Millionen Passagieren und über 20.000 Beschäftigten rund um den Airport braucht eine moderne Regenwasserableitung“, sagt Opolka. „Wenn wir diese nicht hätten, regelmäßig überprüfen und so wie jetzt sanieren würden, könnte das sicherheitsrelevant werden und den Flugbetrieb gefährden.“  

WIDRIGE BEDINGUNGEN „UNTER TAGE“

Um die Intaktheit zu kontrollieren, wird das riesige Kanalsystem des Airports regelmäßig nach gesetzlichen Vorschriften gereinigt, untersucht und der Zustand bewertet – so wie Ende 2017. „Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden normale Abnutzungserscheinungen aufgrund eines natürlichen Alterungsprozesses festgestellt“, sagt Opolka, Projektmanager der Sanierung des RW Mitte. Seit Mai dieses Jahres arbeiten 20 Mitarbeiter „unter Tage“ unter widrigen Bedingungen. „Mit Gaswarngeräten messen wir ständig die Atmosphäre im Kanal. So können wir die Entstehung giftiger Gase überprüfen oder wissen, wenn ein Sauerstoffmangel entsteht, der lebensbedrohlich sein kann. Wenn es regnet, sind wir damit beschäftigt, Wasser abzupumpen. Die Kanäle müssen ausgeleuchtet werden, weil es dunkel ist. Hinzu kommt, dass wir für die Arbeit nur einen begrenzten Slot haben, weil wir uns unter den Start- und Landebahnen befinden.“

Die Sanierungsmaßnahmen am RW Mitte konzentrieren sich auf drei Bereiche: die Ertüchtigung der statischen Tragfähigkeit, den Schutz der Betonoberfläche und die Gewährleistung der Dichtheit. Konkret bedeutet dies, dass in den Trassenabschnitten, in denen der RW Mitte die Rollbahnen quert, Rohre aus glasfaserverstärktem Kunststoff in das vorhandene Kanalprofil eingebaut werden. In den Bereichen zwischen und außerhalb der Rollbahnen, in denen der Kanal keiner Belastung aus dem Flugverkehr ausgesetzt ist, wurden die Betonflächen mit Hochdruckwasserstrahlen vorbehandelt und anschließend mit Hilfe eines Spezialmörtels von Hand neu profiliert. In den Fugenbereichen zwischen den einzelnen Betonabschnitten wurden mit Edelstahlmanschetten verspannte Kunststoffdichtungen eingebaut. Bis Anfang 2020 sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Stockfinster, nasskalt und risikoreich – so unwirtlich das Arbeitsumfeld für Außenstehende erscheinen mag, so viel Spaß bereitet der Job Opolka und seinen Kollegen. „Auch nach all den Jahren hier am Flughafen begeistert mich diese komplexe Infrastruktur jeden Tag aufs Neue.“ Opolkas Augen leuchten dabei. Gut sichtbar, ganz besonders hier im Dunkeln, mehrere Meter unter der Erde.

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