DIE ZEIT LÄUFT

GEORG LANGER IST LEBENSRETTER

Im Laufschritt eilt Georg Langer durch den Flugsteig. Mit festem Griff umklammert seine Hand den Henkel einer quadratischen Box. In ihrem Innern verbirgt sich, weich gebettet und umgeben von Kühlakkus, ein Beutel mit rötlich-gelber Flüssigkeit. Ein Menschenleben. Irgendwo wartet ein todkranker Patient auf diese wenigen Milliliter. Was hier unter größter Vorsicht und enormen Zeitdruck transportiert wird, sind menschliche Stammzellen. Sie sind möglicherweise die letzte Rettung für einen Blutkrebs-Patienten. Die Aufgabe von Georg Langer ist es, sie pünktlich und sicher auszuliefern. Weltweit.

Stempel im Reisepass
Fragt man Langer nach seinem Beruf, könnte er ohne zu dick aufzutragen antworten: „Ich bin Lebensretter“. Er aber sagt schlicht: „Ich bin medizinischer Kurier“. Im Auftrag der CMT Cellex Medical Transports GmbH ist der Düsseldorfer seit April vergangenen Jahres rund um den Globus geflogen. Indien, Chile, Australien, Argentinien… Die Seiten seines Reisepasses sind gut gefüllt. Wegen der vielen Langstreckenverbindungen ist Langer auch häufiger Gast am Düsseldorfer Airport.

„Die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Spender mit demselben Erbgut zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto“, weiß Langer. Und trotzdem hat die DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei bereits über 53.000 Stammzellentransplantationen ermöglicht. Ist ein genetischer Zwilling eines Blutkrebs-Patienten gefunden, geht alles ganz schnell. Die Spende wird organisiert, der Patient vorbereitet und ein Kurier beauftragt. Georg Langer wird von den Kurierunternehmen mal mehr, mal weniger kurzfristig benachrichtigt, dass ein Transport ansteht. „Mein Handgepäck steht immer gepackt griffbereit“, sagt der 42-Jährige. So musste er schon mal spontan die Geburtstagsparty eines Freundes verlassen um den Auftrag eines erkrankten Kollegen zu übernehmen.

Langer reist grundsätzlich nur mit Handgepäck. Jede Minute zählt. In Köln holt er im Büro der CMT die spezielle Transportbox ab und wird detailliert gebrieft. Wo müssen die gesunden Stammzellen abgeholt,wohin gebracht werden und wie sieht der Reiseverlauf aus? Langer selbst legt das „Produkt“, wie er sagt, in die Kühlbox. Ab jetzt arbeitet er gegen die Zeit. Innerhalb von 48 Stunden müssen die Stammzellen beim Patienten sein. Langers Reisen sind deshalb doppelt abgesichert, die CMT organisiert immer zwei komplette Reiseoptionen, um gegen eventuelle Verzögerungen gewappnet zu sein. Der ständige Blick auf die Uhr gehört für ihn zum Arbeitsalltag.

Den gesamten Reiseverlauf muss Langer dokumentieren und per SMS Codes an das Kurierunternehmen senden, das so stets weiß, wo er ist und ob alles nach Plan läuft. Bei der Übergabe der Stammzellen, beim Boarding am Flughafen, am Zielort. Nicht immer läuft alles reibungslos: Für die Transportbox gelten Sondergenehmigungen. So dürfen die Stammzellen etwa beim Sicherheitscheck nicht geröntgt werden, weil die Strahlen die Zellen schädigen würden. „Das sorgt manchmal für skeptische Blicke, aber dann helfen die offiziellen Schreiben der CMT für die Airlines. Außerdem ist mein Transport beim Flughafen angekündigt“, erzählt Langer. Die Box darf er während der Reise nicht aus den Augen lassen. Niemals. Während andere Passagiere auf Langstreckenflügen schlafen oder auf den Urlaub anstoßen, muss Langer wach bleiben.

Am Zielort angekommen nimmt Langer den schnellsten Weg zur Klinik. Erst wenn im Transplantationszentrum alle Daten überprüft, alle Formulare korrekt ausgefüllt sind und die Spende dem verantwortlichen Arzt übergeben worden ist, kann er durchatmen. Langer ist dafür verantwortlich, dass nichts schief geht. „In diesem Moment bin ich jedes Mal erleichtert, dass alles geklappt hat.“ Zeit für Sightseeing in der fremden Stadt bleibt trotzdem nicht. Meist muss er nach einer kurzen Nacht wieder die Rückreise antreten. Nur selten bleibt er wenige Tage an einem Ort.

Trotz des Drucks, trotz allen Zeitstresses, liebt Langer seinen Job. Als ehemaliger Zeitsoldat und VIP-Flugbegleiter der Flugbereitschaft flog er bereits mit den damaligen Bundeskanzlern Kohl und Schröder um die Welt. Der Anstoß, sich als medizinischen Kurier ausbilden zu lassen, kam, als sein Vater an Krebs erkrankte. „Durch meine Arbeit kann ich die Liebe zum Fliegen leben und tue dabei auch noch etwas Gutes. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen“, sagt er. Daran, dass in manchen Fällen auch eine Stammzellentransplantation nicht erfolgreich ist, möchte er nicht denken: „Ich denke immer positiv. Sonst könnte ich morgen nicht wieder unbeschwert mit der nächsten Spende auf Reisen gehen.“

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