Abenteuer Vorfeld

FÜHRERSCHEINPRÜFUNG AM FLUGHAFEN

Die weiße Schranke an der Sicherheitsschleuse öffnet sich – und mein Abenteuer beginnt. Nun trennt mich nichts mehr vom riesigen, nichtöffentlichen Gelände des Flughafens Düsseldorf. Meine Mission für heute: die Vorfeldführerschein-Prüfung.

Auto auf dem Vorfeld
Es ist ein sonniger und kalter Wintertag im Jahr 2019. Rund 600 Hektar ist das Flughafengelände groß und weit, und von der Sicherheitsschleuse am Tor 1 aus kann ich das andere Ende des Airports trotz klarer Sicht nur erahnen.

TEIL EINES ORGANISIERTEN GEWUSELS

Ich sitze in einem elektrifizierten Auto süddeutscher Bauart, das ab sofort nahezu lautlos über die Fahrstraße des Flughafen-Vorfelds surren wird. Umso lauter und hektischer ist es um mich herum. Lange brauche ich nicht, um zu begreifen, dass ich jetzt Teil des organisierten Gewusels des größten Flughafens von Nordrhein-Westfalen bin: überall Flugzeuge, parkend und rollend, tonnenschwere Tankfahrzeuge, beladene Busse, geräuschlose Gepäckwagen, ein Wirrwarr aus farbigen Bodenlinien, Straßenschildern und unzähligen Pylonen – und ich mittendrin. Es ist eine Weile her, dass ich so aufgeregt und konzentriert war.

Ganz auf mich allein gestellt bin ich natürlich nicht: Wie es sich bei einer ordentlichen Führerscheinprüfung gehört, überwacht ein Fahrlehrer jeden meiner Blicke und Abbiegevorgänge. Heute macht das Sascha Toepper, Trainer der Zulassungsstelle der Flughafen Düsseldorf GmbH. Während der Fahrt wird er mich über das vorschriftsmäßige Verhalten auf dem Vorfeld informieren und es während der rund einstündigen Tour fortwährend kontrollieren. Sein Verantwortungsbereich: Flughafen-Mitarbeitern, die den Betriebsführerschein, so die offizielle Bezeichnung, benötigen, Theorie und Besonderheiten auf dem Vorfeld beibringen. Heute bin ich dran.

VOLLE KONZENTRATION BEI TEMPO 30

Schnell merke ich: Theoretisches Wissen zu lernen und Beifahrer zu sein auf dem Vorfeld ist das eine. Praxis zu erleben und selber am Steuer zu sitzen, ist eine andere Hausnummer. Mein Konzentrationslevel steigt mit jedem Meter, den ich bei maximal 30 Kilometern pro Stunde vorankomme. Immer im Blick: Flugzeuge, die sich von einer parkenden Position links und rechts in Richtung Rollfeld bewegen könnten und denen ich im Bereich der sogenannten Rollbereichsstraßen besser aus dem Weg gehen sollte. „Das Kräftemessen würden Sie verlieren“, ruft mir Toepper ins Gedächtnis. „Und Ihren Betriebsführerschein gleich mit.“

Prompt fallen mir die Leitsätze ein, die jeder Verkehrsteilnehmer auf dem Vorfeld unbedingt beherzigen sollte. Rollende oder mit Schleppern bewegte Flugzeuge haben immer Vorrang, Follow-Me-Fahrzeuge oder Einsatzfahrzeuge mit eingeschalteten roten Rundumleuchten ebenfalls. Eine weitere Faustregel: auf die Geschwindigkeit achten. Auf dem Flughafengelände gilt Tempo 30, in einigen Bereichen darf ich nur 20 oder 10 Kilometer pro Stunde oder gar Schritttempo fahren.

„MEIN KOPF QUALMT UND ICH KNEIFE DIE AUGEN ZUSAMMEN“

Wie im „normalen“ Straßenverkehr auch, werden alle Verkehrsteilnehmer auf Einhaltung der Regeln kontrolliert. Diesen Job übernimmt die Verkehrsleitung. Verhält sich jemand auffällig oder missachtet Vorschriften, kann das bis zum Entzug des Betriebsführerscheins führen. Der Unterschied zu „draußen“: Für alle Verkehrsteilnehmer im nicht öffentlichen Bereich des Flughafengeländes gelten nicht nur die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung, sondern unter anderem auch die der Flughafenbenutzungsordnung. So gilt beispielsweise – wie überall auf dem Flughafengelände – ein striktes Alkoholverbot (die Promillegrenze liegt bei 0,0) und zu jeder Zeit muss ich eine Warnweste tragen.

Die größte Herausforderung besteht darin, „die Gesamtlage zu überblicken und in möglichst allen Situationen vorausschauend zu handeln“, sagt Toepper. Nach nur 15 Minuten am Steuer weiß ich, was er meint. Mein Kopf qualmt, konzentriert kneife ich die Augen zusammen, und während mein Kopf unablässig von links nach rechts wandert, um nicht von unvermittelt auftauchenden Ferienfliegern überrascht zu werden, findet Toepper Zeit, mir weitere grundlegende Dinge zu erklären: „Fahren Sie immer zurückhaltend. Und achten Sie auf die Straße. Sollten Sie einen Gegenstand finden, der andere Fahr- oder Flugzeuge beschädigen könnte, ist es Ihre Pflicht, anzuhalten und ihn in einen der dafür vorgesehenen Behältern zu entfernen.“ Toepper meint mit „Gegenständen“ die FODS, die „Foreign Object Debris“, herumliegende Fremdkörper wie Schrauben, Koffergriffe oder Plastikteile. Als wäre es ein perfekt inszenierter Teil der praktischen Prüfung, entdecke ich tatsächlich nur wenige Reifenumdrehungen weiter in Höhe des Flugsteigs C 03 einen kiloschweren orangefarbenen Bremsklotz, der mittig auf der Fahrbahn liegt und den ich vorschriftsmäßig entsorgen kann.

HÄKCHEN IN GRÜNEN FELDERN

Zeit zum Durchatmen gibt es auf dem Vorfeld nicht, auch nach über 30 Minuten nicht. „Fahren Sie bitte auf die Vorfeldposition V116“, sagt Toepper. Jetzt heißt es: Kräfte und Konzentration bündeln. In meinem Kopf gehe ich die 120 Vorfeldpositionen durch. Vom Flugsteig C ist es nicht besonders weit, das weiß ich, einige hundert Meter nach Westen vielleicht. Nur der direkte Weg ist versperrt, denn dann müsste ich den Bereich der Rollleitlinien passieren, der Flugzeugen vorbehalten ist. Ich folge der Fahrstraße nach Süden und fahre zu den Außenpositionen im Westen. Als ich abbiege, wird es kniffeliger: Ich bewege mich fortan auf einem Fahrkorridor, einem Bereich, der zwischen parkenden Flugzeugen verläuft und an den eine Rollbereichsstraße anschließt.

Nun heißt es für mich erneut: vorausschauend agieren, den gelernten Rundumblick vollführen und diesen Abschnitt zügig (aber nicht schneller als Tempo 30!) durchfahren, bis ich V116 erreiche. Toepper bittet mich, den Wagen anzuhalten. „Gut gemacht, wir sind am Ende.“ Er zückt seinen Prüfbogen und beginnt in jeder Zeile Häkchen in grünen Feldern zu machen. Es gibt noch orangene und rote. Er wirkt zufrieden. Ich jetzt auch. Als er zum letzten Häkchen ansetzt, sagt er: „Herzlichen Glückwunsch, hier ist Ihr Betriebsführerschein.“

Nach einer Stunde in konzentrierter Sitzhaltung steige ich aus und stehe mit meinem Vorfeldführerschein neben einem E-Auto und einem Airbus A320 der Eurowings. Die Sonne scheint und das andere Ende des Flughafengeländes kann ich immer noch nur erahnen. Von V116 zurück zu Tor 1 und der weißen Schranke ist es nicht weit. Als sie sich wieder hinter mir herabsenkt, ist das Abenteuer vorbei – zumindest für heute.

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