Urlaub für alle

DIE REISELUST DER DEUTSCHEN IST UNGEBROCHEN

Wolfgang Krauss war so etwas wie ein Start-up-Unternehmer, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Mehr als 50 Jahre ist das her. Der ausgebildete Pilot wurde 1960 Geschäftsführer der Düsseldorfer Charterfluggesellschaft LTU, die zu dieser Zeit kurz vor der Pleite stand. Er und sein damaliger Partner Ernst-Jürgen Ahrens schafften es, das Unternehmen vor dem Konkurs zu bewahren und den Grundstein für einen Massentourismus zu legen, von dem nicht zuletzt der Düsseldorfer Airport stark profitieren sollte.

Strand
Vor dem Wachstum stand allerdings erstmal eine Schrumpfkur. Mit nur drei Propellerflugzeugen und 35 Beschäftigten ging LTU 1963 sehr bescheiden an den Start. „Wir halten unser Unternehmen und den Flugzeugpark bewusst klein, um die Übersicht zu behalten“, lautete die Devise der beiden Airline-Chefs.

WER NICHT WAGT, DER NICHT GEWINNT

1965 entschlossen sich die beiden Berufspiloten zu einem radikalen Schritt: als erste europäische Charterfluglinie beschafften sie einen Jet, eine fünf Jahre alte Caravelle aus französischer Fertigung für 12 Millionen Mark. Ein Risiko, das sich auszahlen sollte. Mit der schnelleren und größeren Maschine konnten mehr Passagiere befördert werden. Krauss und Ahrens spekulierten darauf, dass immer mehr Menschen fliegen wollten, und lagen mit ihrer Wette genau richtig. Von 1963 auf 1964 verdoppelte sich die Zahl der deutschen Flugurlauber, LTU hatte in Deutschland einen Marktanteil von etwa 20 Prozent. Auf einem aus heutiger Sicht bescheidenen Niveau: 1964 flogen gerade einmal 77.000 Passagiere mit einem der rot-weißen Flieger in die Ferien. So viele Fluggäste zählt der Düsseldorfer Airport aktuell an nur einem Tag!

LTU hatte mit Condor, Südflug und Bavaria drei Konkurrenten im eigenen Land. Das Management beschloss, sich auf das Einzugsgebiet um Düsseldorf und in Nordrhein-Westfalen zu konzentrieren. „Fast 70 Prozent unseres Aufkommens stammen aus dem Ruhrgebiet“, wusste Krauss schon damals. Bavaria und Südflug mussten bald aufgeben und den Flugbetrieb einstellen. LTU wuchs und wuchs. Die Flotte wurde größer, die Preise für Pauschalreisen sanken und die Passagierzahlen explodierten. Aus der kleinen Fluggesellschaft LTU wurde ein Touristikkonzern mit eigenen Veranstaltermarken und einer großen Langstreckenflotte. Seit 1973 kamen Großraumflugzeuge mit Platz für mehr als 300 Passagiere zum Einsatz. „Fliegen ist für alle da“ lautet ein bekannter und beliebter Slogan aus dieser Zeit. LTU flog Ziele in Nordamerika, der Karibik und in Asien an, dazu die klassischen Warmwassergebiete in Europa.

Jetzt ist Wolfgang Krauss im hohen Alter verstorben. Das Ende der LTU hat er noch miterlebt, auch das Aus von Air Berlin. Nach der Übernahme von LTU war diese Airline vielleicht in zu vielen Verkehrssegmenten, von der Langstrecke über City-Shuttle-Verbindungen bis zum klassischen Urlaubsflug, unterwegs, um überleben zu können. „Zu klein“, lautete das Urteil, als Germania im vergangenen Jahr Konkurs anmelden musste. 2019 hat es mit Thomas Cook einen großen Reiseveranstalter der Branche erwischt. Wie kommt es, dass Urlaubsflieger derart unter Druck geraten? Lässt sich mit Ferienflügen wirklich kein Geld mehr verdienen?

AUS CHARTER WIRD LINIE

Doch. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen seit den Anfangstagen der Urlaubsfliegerei verändert. Sehr dramatisch sogar. Noch in den 1980er Jahren waren Ferienflieger unabhängig von Touristikkonzernen und verkauften ihre Sitzplätze an Reiseveranstalter. Ferienreisen waren nur im wöchentlichen Rhythmus buchbar! Die Preise für den Flug bestimmten maßgeblich den Preis für das gesamte Angebot. An Bord erwartete den Gast ein Service, der aus heutiger Sicht luxuriös wirkt und bereits im Preis enthalten war: Sekt zur Begrüßung und warme Mahlzeiten auf Flügen auf die Kanarischen Inseln gehörten zum Standard. Nur ein Jahrzehnt später ändert sich die Situation. Die ersten Urlaubsgäste wurden auf Linienflüge gebucht. Reine Charterflüge wurden seltener und verschwanden bald ganz.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends verläuft die Veränderung noch rasanter. Low Cost-Airlines treten auch bei Urlaubsflügen in direkte Konkurrenz zu den bislang etablierten Carriern. Fluglinien aus den Urlaubsländern rund ums Mittelmeer drängen verstärkt auf den Markt und verschärfen die Wettbewerbssituation zusätzlich. Für Reisebüros als klassische Vermittler von Ferienflügen wird das Geschäft dank geringer oder gar keiner Provisionen immer uninteressanter. Der sogenannte Direktvertrieb ist auf dem Vormarsch. Heute sind es die Grenzen zwischen Billigfliegern und Liniencarriern, die immer mehr verwischen. Full Service gibt es nur noch in den hohen Buchungsklassen, alles andere muss einzeln dazugebucht und extra bezahlt werden. Selbst die Beförderung von Gepäck ist nicht mehr automatisch Bestandteil eines Flugtarifs.

AUS PAUSCHAL WIRD INDIVIDUELL

Was mit der Zusammenstellung der Leistungen rund um den Flug seinen Anfang nahm, setzt sich konsequent bei der Planung der gesamten Reise fort. Aus der ehemaligen standardisierten Pauschalreise wird das individuelle Reiseerlebnis. Keine Reise ist mehr wie die andere. Kunden kombinieren Unterkunft, Anreise und vor allem Ausflüge und Erlebnisse vor Ort selbst. Weniger gereist wird deswegen nicht, ganz im Gegenteil. Trotz Airline- und Veranstalterpleiten in der jüngeren Vergangenheit ist die Lust am Reisen und am Fliegen ungebrochen. Dabei bieten Urlaube, die über einen Veranstalter gebucht wurden, immer noch die größte Sicherheit im Falle von Absagen oder Streichungen. „Wir können unseren Kunden eine sichere Reise bieten“, betont Stefan Baumert, Geschäftsführer Touristik beim Marktführer TUI, der nach der Insolvenz von Thomas Cook deutschlandweit mit 500.000 zusätzlichen Kunden für sein Unternehmen rechnet. Jede Pauschalreise ist in Deutschland durch eine Insolvenzversicherung abgesichert.

Ganz gleich ob Branchenriese oder Spezialveranstalter: Die Ausgaben für Reisen und Urlaube steigen von Jahr zu Jahr an. Alle Veranstalter zusammen haben 2018 in Deutschland Produkte im Wert von 36 Milliarden Euro verkauft. Das ist etwas mehr als die Hälfte der Gesamtausgaben für alle Reisen. Die Deutschen sind Reiseweltmeister und wollen diesen Titel nicht mehr hergeben. 1,7 Milliarden Reisetage summierten sich allein im Jahr 2017 auf. 55 Millionen Deutsche haben in diesem Jahr mehr als fünf Tage zusammenhängend Urlaub gemacht. Am Düsseldorfer Airport wurden im Jahr 2019 weit mehr als 25 Millionen Fluggäste gezählt. Der größte Teil davon war privat unterwegs. Entweder in den Urlaub oder um Freunde und Verwandte zu besuchen. Ein Trend, der sich fortsetzt. 

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